Wenn Schulpferde in Rente gehen…

Schulpferde sind das Herzstück vieler Vereine. Durch sie wird es möglich, den Umgang mit Pferden zu erlernen und erste Reiterfahrungen zu sammeln, ohne ein eigenes Tier zu besitzen. Vor allem Kindern und Jugendlichen aus finanziell schwächer gestellten Familien verhelfen die Vereinspferde zu einem Einstieg in den ansonsten sehr kostenintensiven Reitsport. 

Wen das Reitfieber erstmal gepackt hat, der träumt davon, ein eigenes Pferd zu besitzen. Und wer kennt sie nicht, die Bücher und Filme, die in glühenden Farben von dem Glück und der Freiheit auf dem Rücken eines Pferdes berichten? Aber in der Realität bleibt es oft nur bei einer Wunschvorstellung, da Zeit und Geld eine Anschaffung nicht möglich machen. 

Hier versucht der Reitverein Selsingen seit vielen Jahren mit dem Angebot einer „Schulpferdepflegschaft“ eine Brücke zu schlagen. Dabei übernimmt ein Reitschüler verbindliche Aufgaben in der Betreuung eines Schulpferdes und darf es im Gegenzug an unterrichtsfreien Tagen unentgeltlich reiten. 

Doch auch das Leben eines Schulpferdes unterliegt den natürlichen Alterungsprozessen und bringt irgendwann die Frage mit sich, was aus den „Rentnern“ werden soll. Mit Blick auf die jahrelangen und treuen Dienste hat der Reitverein Selsingen sich hier für einen besonderen Weg entschieden. Für diese Pferde wird ein Platz gesucht, wo sie gegen einen symbolischen Kaufpreis, einen liebevollen Lebensplatz finden. 

Bis jetzt ist das auch immer gelungen und als nun das Schulpferd Merle altersbedingt aus dem Schulbetrieb genommen werden musste, konnte wieder ein neues Zuhause gefunden werden. Ihre ehemalige Pflegerin Benita Martin war bereit, sich der Verantwortung zu stellen. 

Aber was bewegt jemanden, einem alten und nur noch bedingt reitbarem Pferd eine Bleibe zu bieten und sich den damit verbundenen Aufwendungen zu stellen? Wiebke Oetjen, Pressewartin des Reitvereins Selsingen, hat genauer nachgefragt und folgende Antworten über einen gemeinsamen Weg und Freundschaft erhalten:

RV: Wie lange kennst du Merle schon?

10 Jahre 

RV: Was magst du an Merle besonders gerne?

Ihren treuen, unschuldigen Blick, nachdem sie gemerkt hat das sie Mist gebaut hat. Man kann ihr nie lange böse sein. 

RV: Wann hast du im Reitverein ihre Pflegschaft übernommen?

Kurz nach ihrer Ankunft im Reitverein, also vor ca. 9,5 Jahren 

RV: Wie verändert eine Pflegschaft die Beziehung zum Pferd?

Die Verbindung wird enger, das Vertrauen wächst, man lernt sich besser kennen und man lernt das Pferd zu lesen. Man merkt auch schnell, wenn etwas nicht stimmt beim Pferd.
 Aber auch das Pferd merkt, wie es einem geht und wann es zum Beispiel Zeit ist, sich besonders anzustrengen. 

RV: Gibt es auch schwierige Situationen in einer Pflegschaft? 

Ich glaube, überall gibt es mal schwierige Situationen. Wichtig ist diese gemeinsam zu meistern. Merle gibt einem ihr Vertrauen nicht einfach so. Das muss man sich erarbeiten. So, wie sich Merle auch mein Vertrauen erarbeiten musste. Vor allem in der Kennenlernphase. Und auch beim Reiten brauchte es seine Zeit, bis wir uns richtig kennen gelernt haben. Es ist wichtig, sich gerade bei einem so starken Tier im Umgang sicher zu fühlen. Und dies gelingt nur mit gegenseitigem Vertrauen. Außerdem sollte man Durchhaltevermögen haben. Es ist nicht immer leicht und es gibt auch Momente, wo gar nichts klappt. Aber wenn man diese Phasen überstanden hat, gibt das Pferd einem so viel zurück. Das kann ich gar nicht in die richtigen Worte fassen. 

RV: Gibt es etwas Besonderes, was du durch Merle gelernt bzw. erfahren hast?

Gelernt habe ich, dass Aufgeben keine Option ist. Und dass es sich auch mal lohnt, die Zähne zusammen zu beißen und durchzuziehen. Erfahren habe ich, was es für einen tollen Zusammenhalt gibt, wenn man die schwierigen Zeiten zusammen überstanden hat und das Vertrauen gewachsen ist. Und wie einfach man dann knifflige Situationen meistern kann. 

RV: Wie kam es zu der Entscheidung, Merle als Rentnerpferd zu dir zu nehmen?

Mir war schon immer klar, dass sobald ich alt genug bin und mir mein eigenes Pferd finanzieren kann, ich mir diesen Luxus auch leisten möchte. Merle zu mir als Rentnerpferd zu nehmen, fiel mir gar nicht schwer und die Entscheidung habe ich schnell getroffen.
Seit 10 Jahren ist sie an meiner Seite, wir hatten gemeinsam Höhen & Tiefen, haben vieles zusammen durchgestanden und großes, gemeinsames Vertrauen aufgebaut.
 Sie war quasi vorher schon wie ein Familien Mitglied – da muss man keine Entscheidung treffen, die Entscheidung ist klar. 

RV: Wie hat sich deine Beziehung zu Merle verändert, seit sie dein eigenes Pferd ist?

Eigentlich hat sich unsere Beziehung nicht verändert. Wir sind schon lange wie Dick & Doof. Das wird sich auch nicht mehr ändern. 

RV: Wie beurteilst du insgesamt die Entscheidung vom Reitverein, die langjährigen Schulpferde als Rentner in „gute Hände“ abzugeben?

Das ist die beste und vernünftigste Entscheidung, die der Verein treffen konnte. Jahrelang leisten die Pferde ihre treuen Dienste, tragen Klein & Groß über die Plätze, machen kleine Spielchen mit und zaubern den Kindern ein Lächeln ins Gesicht. Da haben sie gar nichts anderes verdient als ein entspanntes, glückliches Rentnerleben. Das wünschen wir uns doch auch…  

RV: Welche Ziele möchtest du noch mit Merle erreichen? Was wünscht du dir und Merle für die Zukunft?

Unsere größten Ziele haben wir schon erreicht: eine gemeinsame Zukunft und ein entspanntes Rentendasein für Merle. Ansonsten wünsche ich mir eine gesunde und glückliche Merle, damit wir noch das ein oder andere Mal gemeinsam über den Platz tanzen und die Feldmark erkunden können. Und ich wünsche mir für sie immer saftig, grüne Weiden und das mir niemals die Karotten ausgehen. 

RV: Danke für das offene Gespräch.

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